Der Chronist
Adam von Bremen (gest. 12.10 bald nach 1081) berichtet in
seiner um 1075 verfassten Hamburgischen Kirchenchronik von
einem „Landweg von der Elbmündung nach Wollin oder
Stettin“, den zu bewältigen man im 11. Jahrhundert
sieben Tage benötigte – für eine Strecke von
rund 350 Kilometern.
In den mittelalterlichen
Urkunden wird dieser Handelsweg mit der lateinischen Bezeichnung
„via regia“ erwähnt und ging als „die
via regia“ in die heimatkundliche Forschung ein. Sie
wird von der neueren Frühgeschichtsforschung als die
„bedeutendste Ost-West-Straße im Norden“
des mittelalterlichen westslawischen Siedlungsgebietes bezeichnet
und bereits von dem bedeutenden mecklenburgischen Archäologen
Robert Beltz 1893 die „Hauptstraße der Wendenzeit“
in Mecklenburg genannt.
Die
Erforschung einer alten Straße
Die Geschichte
dieser Handelsstraße beschäftigt die Forschung
seit rund 150 Jahren. Während ihr Verlauf „im großen
und ganzen festgelegt“ ist, bedarf der genaue Verlauf
weiterer Detailforschung des in unserem Territorium noch kaum
ausgeprägten Zweiges der Altstraßenforschung..
Bereits Stegemann *) hegte jedoch die Hoffnung, „dass
weitere Forschungen dieser Art Einzelheiten über den
Verlauf der via regia in Mecklenburg klären“.
Die lateinische
Bezeichnung „via regia“ bedeutet wörtlich
ins Deutsche übersetzt „Straße des Königs“
oder „königliche Straße“, auch einfach
„Königsstraße“. Der Rechtshistoriker
Glöckler schreibt dazu 1845 im Bd. 10 der Jahrbücher
des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde:
„Die Straßen wurden in Deutschland seit alters
her in viae regiae und viae privatae unterschieden. Die via
regia oder „gemeine kaiserliche freie Straße“
umfasste alle öffentlichen Wege des Reichs, welche zum
allgemeinen Verkehr dienten und Städte und Länder,
wie Land und Meer verbanden.“
Von
Wolin nach Mecklenburg
Unter Nutzung bisheriger
und neuer eigener Forschungsergebnisse wollen wir nun den
Verlauf dieser Ost-West-Magistrale durch Mecklenburg verfolgen. Bedeutendster „Straßenort“
im vorpommerschen Gebiet war der bekannte frühgeschichtliche
Handelsplatz Menzlin an der Peene, der von skandinavischen
und slawischen Siedlern gemeinsam bewohnt wurde. In das (später)
mecklenburgische Gebiet kam die „via regia“ dicht
westlich der Stadt Demmin über die Peene. Diesen Schluss
lassen Waffenfunde sowie Brückenreste aus slawischer
Zeit beim Dorf Wolkow (bei Demmin) mit Sicherheit zu.
Überhaupt
lagen dort, wo alte Handels- oder Heerstraßen Niederungen
und Flüsse überquerten, ihre schwachen Punkte. Dort
boten sich dem Reisenden Schwierigkeiten, und auch feindliche
Heere konzentrierten dort ihre Macht. Daher sind an solchen
Übergangspunkten besondere Anlagen und Sicherungen gebaut
worden, die uns oft die einzigen oder doch wichtige Anhaltspunkte
zur Rekonstruktion des genauen Verlaufs solcher Straßen
geben.
Urkunden,
Funde, Flurnamen
Wenngleich uns
der Name „via regia“ wörtlich erst 1216 in
einer Urkunde entgegentritt für die Straße „que
ducit de Luchowe in Lauena“ (d.h. die von Lüchow
nach Laage führt), so ist die Straße selbst bereits
1173 im Gebiet urkundlich nachweisbar als „Straße,
die von Demmin über Dargun nach Lüchow führt“.
Den Beschreibungen der Besitzgrenzen des Klosters Dargun in
Urkunden aus den Jahren 1173/74 sind mehrere Hinweise auf
die „via regia“ zu entnehmen, nach denen Dr. G.
Schlegel 1980 eine Skizze entwarf. Diesew verdeutlicht, dass
die Straße keineswegs geradlinig durch die Region verlief
(was Verlaufsskizzen in kleinmaßstäbigen Karten
evtl. vermuten lassen könnten), sondern sich den günstigsten
Weg entsprechend den topographischen Gegebenheiten suchen
musste. Moor- und Wiesengebiete waren zu umgehen, Bäche
und Flüsse zu überwinden und natürlich auch
„Raststätten“ und Handelsplätze zu tangieren.
Nach dem bereits genannten Menzlin wird ein nächster
herausragender Handelsplatz im Zuge dieser Handelsstraße
in oder bei Demmin gewesen sein. Aber auch die slawischen
Burgen von Wolkow [Lkr. Demmin], Dargun [Lkr. Demmin] und
Altkalen [Lkr. Güstrow] hatten ganz sicher Anbindungen
an die „Hauptstraße“.
Kurz bevor der
Reisende die im 13. Jahrhundert urkundlich genannte „Raststätte
Lüchow“, die „taberna Luchowe“, erreichte,
musste er zunächst noch bei Pannekow [Lkr. Güstrow]
„eine Steinfurt passieren, über welche die nach
Demmin gehende via regia führt“. So heißt
es in der Grenzbeschreibung des Dorfes Pannekow von 1216.
Noch in der Schmettau-Karte von 1788 ist zwischen Pannekow
und Lüchow an einer Bachniederung der Flurname „Alte
Pforth“ (= Alte Furt) verzeichnet – eine Bestätigung
der Vermutung Stegemanns „Wird nun noch bei Lüchow
ein wendischer Wohnplatz gefunden, so ist die Kette der Stationen
durch das Circipaner- und Kizinerland (Circipaner und Kessiner
= slaw. Stämme – d.A.) geschlossen“ schreibt
Robert Beltz 1893. Hundert Jahre weiter (1993) hat die archäologische
Forschung inzwischen in Lüchow durch eine Vielzahl von
Funden intensive slawische Siedlungstätigkeit vom 7.
bis 13. Jahrhundert nachweisen können.
Auf der an Lüchow
westlich angrenzenden Feldmark von Remlin [Lkr. Güstrow]
war im Frühjahr 1843 „ein einzelner, großer
Granitblock“ der „freieren Ackerbenutzung“
im Wege. Als der Findling „gesenkt werden sollte, fand
man unter diesem Steine einen Topgf mit ungefähr 13 Loth
Silbersachen“. Dabei handelte es sich um einen Fund
von 124 Münzen aus der Zeit 973 bis 1055 sowie einige
Silberschmuckstücke. Der Fund bestätigt, dass
solche „Schatzfunde“ vorwiegend in der Nähe
oder in Bezug zu Handelsstraßen auftreten, denn der
Ort Remlin liegt unmittelbar im Bereich der erschlossenen
Trassenführung der „via regia“.
Weiter in Richtung Westen verlief die „via regia“
am Südrand der Feldmark von Vorwerk [heute Alt Vorwerk,
Lkr. Güstrow], in dessen Grenzbeschreibung von 1273 sie
als „antiqua via“ (= „alte Straße“)
genannt wird.
Krug
und Schmiede: Polchow und Chowale
Nun zog sich die
„via regia“ durch das Gebiet der heutigen Feldmarken
Rensow und Polchow [Lkr. Güstrow]. 1216 verlieh Kasimar,
Herzog von Pommern, dem Kloster Dargun das Landgut Polchow
mit der daran angrenzenden Einöde „Geresowe oder
Chowale“. Die Grenzen dieses Gebiets queren wiederum
unsere Handelsstraße und berühren ebenso „eine
Furt, welche dem Reisenden den Übergang von Rensow nach
Laage ermöglicht“. Zwischen Polchow und Rensow
verzeichnet die Direktorialvermessungskarte Polchow von 1771
eine „Bolbrüg“ (= Bohlenbrücke) –
vielleicht ein Hinweis auf die im Mittelalter vorhanden gewesene
Furt der „via regia“ ? Der Acker in der Feldmark
Polchow westlich der „Bolbrüg“ trägt
den Flurnamen „Auf die Kowals“ und bezeichnet
damit namentlich die 1216 als „Einöde“ überlieferte
slawische Ansiedlung namens „Chowale“ (= „Schmied“,
„Schmiede“). Es ist möglich, daß der
Ort also nach einer in slawischer Zeit dort tatsächlich
vorhandenen Schmiede benannt worden ist, die auch für
den Hufbeschlag der Pferde der auf der „via regia“
Reisenden zuständig war. In Polchow selbst ist 1219 eine
„taberna“ (= Krug, Raststätte) urkundlich
überliefert. Krug und Schmiede sind klassische „Stationsorte“
alter Handelsstraßen und hier in nahezu klassischer
Kombination von Urkundenstellen, Flurnamen und alten Landkarten
erschlossen. Von Polchow/Chowale nun zog der Reisende weiter
nach dem urkundlich bereits 1173 genannten Laage, dessen Ortsname
aus dem Slawischen abgeleitet ist und „Brücke“,
„Steg“, „Brückenort“ bedeutet.
Ob er zunächst die Slawenburg (Burgwall) beim heutigen
Dorf Wardow passieren musste oder diesen etwa „links
am Wege liegen ließ“, vermag die Forschung gegenwärtig
nicht zu sagen.
Bei Laage, ebenfalls
slawischer Burgort (Burgwall am Pludderbachtal), war als größeres
Straßenhindernis der Recknitzfluß zu überwinden.
Hinweise
fehlen
Für den genauen
Verlauf der „via regia“ von Laage aus weiter nach
Westen gibt es bisher eine Reihe Vermutungen, aber kaum soviel
schlüssige Hinweise, wie wir sie bisher für den
Abschnitt Demmin-Laage beibringen konnten.
Eine slawische
Inselsiedlung bei Dudinghausen im Hohen Sprenzer See [Lkr.
Güstrow] bietet sich nach Beltz (1893) als ein „Zwischenort“
der „via regia“ an. Wo genau das nächste
große Hindernis, der Warnow-Fluß, überquert
wurde, ist noch sehr umstritten und unsicher. Bei der Niklot-Burg
Werle vielleicht ? – Auf jeden Fall im Großraum
Bützow-Schwaan! Bei Baggerarbeiten in der Warnow 1927/28
wurden aus einem ca. 10 km langen Flussabschnitt nördlich
und südlich der heutigen Stadt Schwaan eine Vielzahl
frühgeschichtlicher Waffen ausgebaggert. Dem Streckenführungsvorschlag
von Becker (1938) lehnt sich der von Stegemann (1940) an,
der den weiteren Verlauf der „via regia“ mit Werle
– nördlich an Bützow vorbei – Parkow
– „Hohe Burg“ (Burgwall) bei Schlemmin –
Neukloster – Wismar – Grevesmühlen- Dasow
– Lübeck kennzeichnet.
Eine ebenso vermutete
„Nordvariante“ orientiert sich von Schlemmin aus
in Richtung Neuburg/Ilow, eine „Südvariante“
an der „Burg Dobin“ an der Nordspitze des Schweriner
Sees. Hinweise auf die Richtung „Hohe Burg“ –
Kritzow (bei Wismar) vermutet der Rostocker Studienrat Staak
(1928) in dem sagenhaften „Ritterdamm“, dessen
vermeintliche Reste er in Wiesen und Brüchen der Dorfgemarkungen
Käterhagen – Hermannshagen [Lkr. Güstrow]
entdeckt haben will. Möglicherweise oder sogar ganz sicher
hat es auch Abzweige von der „Hauptstraße via
regia“ gegeben, die sich in den zum Teil nicht ganz
unbegründeten Verlaufsvarianten widerspiegeln.
Forschungsfortschritte
erreicht
Im Vergleich zum
letzten größeren Versuch der Darstellung des bis
dahin bekannten bzw. erforschten Verlaufs der „via regia“
von Erich Stegemann im Jahre 1940 konnten schon eine Vielzahl
weiterer Mosaiksteinchen für das Bild der Geschichte
der „via regia“ in Mecklenburg gewonnen werden.
Quellen dafür waren und sind alte Urkunden, Flurkarten,
Ortsnamen, archäologische Funde, Sagen und andere Volksüberlieferungen
sowie eine gute Kenntnis der Landschaft. Die Kombination von
Fakten aus den genannten Erkenntnisquellen – das hat
sicher dieser Beitrag gezeigt – gleicht einem Puzzlespiel.
Der Historiker freut sich dabei über jeden Baustein zur
Vervollkommnung des Gesamtbildes, doch dafür schließlich
forscht er...“
(Quelle: Dipl.-Historiker & Dipl.-Archivar Udo Funk Alle Rechte vorbehalten.)
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