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automobil durch Mecklenburg
Der Großherzoglich Mecklenburgische Automobilclub

Die allgemeine Benutzung der Automobile hat in Mecklenburg später als in anderen Ländern Eingang gefunden.

„Die Ursache hierzu kann (...) bei den weiten Entfernungen der einzelnen Ortschaften voneinander (...) nur darin gefunden werden, dass Gutsbesitzer, Aerzte, Kaufleute und Industrielle wegen der noch fehlenden Chausseen und der schlechten Landwege bisher das Pferdefuhrwerk vorgezogen haben.“

Aus dieser Einschätzung schlussfolgernd stand die „Einwirkung auf Verbesserung der Wege“ an erster Stelle des zunächst als „Mecklenburgischer Automobilclub“ am 13. Juni 1911 im Schweriner Hotel „Nordischer Hof“ gegründeten Autoclubs. Im Februar 1912, der Club hatte bereits 110 Mitglieder, erfolgte mit Übernahme des Protektorats über den Club durch den Schweriner Großherzog die Ernennung zum „Großherzoglich Mecklenburgischen Automobilclub“ (G.M.A.C.).

Seine weiteren Zwecke und Ziele sah Mecklenburgs zu jener Zeit größter Autoclub in:

2) Anbringung von Wegweisern und Warnungstafeln.
3) Veranstaltung von Polizeifahrten zur Erzielung besserer Ordnung auf den Chausseen.
5) Billiger Bezug von Benzin, Pneumatik etc.
6) Versicherungswesen.
7) Anlehnung an auswärtige Vereine.
8) Sport- und Vergnügungsfahrten.

Die ausführlichen Erläuterungen zu den einzelnen Aufgaben und Zielen des Autoclubs sind selbst für jeden heutigen Autofahrer nicht nur aus historischem Interesse lesenswert! Unter dem Motto „Die Straße dient dem Verkehr“ war das Wirken des Clubs stets auf die Vertretung der Interessen der Kraftfahrer im breiten Spektrum gerichtet, denn die „Wünsche eines Einzelnen in dieser Hinsicht pflegen nicht dieselbe Beachtung zu finden, als wenn solche von einem Verein der Interessenten geprüft und an geeigneter Stelle mit Nachdruck vorgebracht werden“. Die Zusammenarbeit mit auswärtigen Clubs hatte das Ziel „die Aufmerksamkeit der Vergnügungsfahrer auf die landschaftlichen Schönheiten Mecklenburgs aufmerksam zu machen. Besonders Schwerin, welches eine noch längst nicht genügend anerkannte wundervolle Umgebung besitzt, wird voraussichtlich eine rege Anziehungskraft auf auswärtige Automobilfahrer ausüben“.

Knöllchen für den Großherzog

Bereits in seinen ersten Wirkungsjahren unternahm der Automobilclub zwei sogenannte „Polizeifahrten“, die erste im Herbst 1912 und die zweite am 30. August 1913. Um den Zustand der Straßen in Mecklenburg schien es jedoch trotz verschiedener Maßnahmen recht schlecht bestellt. „Am 13. August d. Js. [1914] hat Seine Königliche Hoheit der Großherzog gelegentlich einer Fahrt von Rostock nach Schlutow, gezwungen durch den unerhört schlechten Zustand der Straße zeitweilig den Fußweg mitbenutzt. Dies wurde von einem Straßenwärter zur Anzeige gebracht, die darauf verhängte Strafe von 20 Mark ist inzwischen bezahlt.“ Das Großherzogliche Sekretariat schreibt weiter an den Präsidenten des G.M.A.C.: „Im Auftrage Seiner Königlichen Hoheit wird ergebenst hiervon Mitteilung gemacht mit der gleichzeitigen Anfrage, ob es nicht angezeigt sein dürfte, auf Grund solcher bestimmt sich häufender Fälle, bei den zuständigen Stellen von Seiten des Klubs wegen beschleunigter Besserung der Straßen vorstellig zu werden. Wenn auch im Augenblick kein durchschlagender Erfolg hiervon erwartet werden kann, so werden doch schließlich dauernde Beschwerden und Klagen die zuständigen Regierungsstellen zur möglichst beschleunigten Abstellung dieses den Verkehr gefährdenden Zustandes der Straßen anhalten.“ – Unterbrochen durch den ersten Weltkrieg und die „widrigen Verhältnisse nach der Revolution konnte der G.M.A.C. die für die Straßendisziplin und Straßenordnung erfolgreichen Fahrten“ (= Polizeifahrten) nach rund zwölfjähriger Pause erst wieder durchführen.

Peitschenhiebe fürs Automobil

Die dritte Polizeifahrt fand am 19. September 1925 als Sternfahrt der Zentren Schwerin, Rostock und Neubrandenburg nach Güstrow statt. „ZU der Fahrt werden als Gäste Beamte aller in Betracht kommenden Behörden geladen, wie Städtische-, Staatliche, Kriminal-Polizei, Gendarmerie, Gerichtsbarkeit und Strassenbauverwaltung, damit die Herren durch Augenschein sich von dem Zustand der Strassen und von dem ordnungswidrigen Verhalten der meisten Fussgänger und Fahrzeuge auf der Strasse überzeugen können.“ An der Fahrt nahmen 33 Wagen mit 98 Personen, darunter 54 Vertreter der Behörden, teil. Jeder Wagen mußte die ihm zur Kontrolle vorgeschriebene Strecke zweimal durchfahren, und zwar einmal am Tage und einmal bei Dunkelheit – und in Vordruckkarten Protokoll führen. Das gedruckte Ergebnisheft berichtet über jede kontrollierte Straße, wobei die Urteile von „gut“ bis „sehr schlecht“ ausfallen, letzteres sehr häufig. Aus der Gesamteinschätzung ist u.a. zu erfahren: „Mit Ausnahme der Nähe der grossen Städte ist daher der Fahrverkehr auf den Landstraßen in Mecklenburg noch immer sehr gering. Demgegenüber ist die Straßendisziplin wie aus der Statistik ersichtlich, außerordentlich schlecht,...Automobile, Motorradfahrer, Radfahrer haben sich bei weitem disziplinierter gezeigt....Es weiß aber jeder, der am Straßenverkehr interessiert ist, daß seitens der Fußgänger der Begriff Straßendisziplin in unserem Lande meist noch etwas Unbekanntes ist. Hier muß die Erziehung einsetzen; ein wirksames Arbeitsgebiet der kürzlichg gegründeten Verkehrswacht Mecklenburg. In vier Fällen wurde von Lenkern der Fuhrwerke mit der Peitsche gedroht bzw. nach dem Automobil geschlagen;...Anerkennenswert ist die allgemein sachgemäße Aufstellung der vom Automobilclub von Deutschland...gelieferten Warnungstafeln durch die Straßenbauämter.“ Orts- und Richtungstafeln (Wegweiser) fehlten dagegen völlig! Der Zweck der Fahrt sei aus Sicht des Autoclubs erfüllt, wenn der vorliegende Ergebnisbericht die Behörden „bei ihrer sicherlich schwierigen Arbeit unterstützt“. Auch in den folgenden Jahren wurden solcherart Kontrollfahrten durchgeführt, die sechste Instruktionsfahrt am 3. November 1928 (die Bezeichnung „Polizeifahrten“ war angefochten und daher in „Instruktionsfahrten“ abgeändert worden).

Am 3. Januar 1934 beschließt die Generalversammlung die Auflösung des Clubs nach 23 Jahren Tätigkeit auf jedem automobilistischem Gebiet.


(Quelle: Dipl.-Historiker & Dipl.-Archivar Udo Funk
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