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Vertraut mit Feder + Spaten
Forscherpersönlichkeiten im Dienste der Landesgeschichte

Uralte Steingräber und Burgwälle in großer Zahl gehören zu den prägenden Elementen unserer mecklenburgischen Landschaft und genießen als Bodendenkmäler den staatlichen Schutz. Über die aktuellen Schiffswrackbergungen der Unterwasserarchäologen vor der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns berichten in dichter Folge die Printmedien, Hörfunksender und TV-Kanäle. Die aufgrund langjähriger archäologischer Forschungen rekonstruierte Slawenburg Groß Raden gehört seit Jahren zu den international bekannten Touristenmagneten unseres Bundeslandes.

Der Gedanke, sich um die Zeugen unserer Vorfahren zu kümmern, ist in Mecklenburg seit fast einem halben Jahrtausend lebendig. Um 1470 in Thüringen geboren, wirkte seit etwa 1503 Nikolaus Marschalk Thurius in Mecklenburg (gest. 1525 in Rostock). Er war herzoglicher Rat in Schwerin, akademischer Lehrer in Rostock und schrieb auch landesgeschichtliche Werke, worin er Hügelgräber mit Steinkreisen, Urnengräber und Megalithgräber (Großsteingräber) exakt beschreibt. Er wird „mindestens eines, wahrscheinlich aber mehrere (Gräber) mit wissenschaftlicher Genauigkeit ausgegraben“ haben. Es sind dieses wohl die ersten wissenschaftlichen Grabungen in Deutschland.

Auch schon einige Jahrhunderte zurück liegen die Anfänge der heutigen archäologischen Landessammlung: Bereits um 1520 ließ Herzog Heinrich der Friedfertige ihm gebrachte Urnen aufstellen. Ein eifriger Sammler ur- und frühgeschichtlicher Funde war der Geheime Kanzleirat und herzogliche Leibarzt Hornhard. Als er 1759 starb, wurde seine rund 500 Stücke umfassende Sammlung für das Schweriner Naturalienkabinett übernommen.

Die wohl erste Vorlesung über vorgeschichtliche Denkmäler an einer deutschen Hochscule wurde schon vor 1665 an der Universität Rostock von einem Professor Morhof gehalten.

Erstmalig in Deutschland wurde bereits am 13. April 1804 im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin ein Gesetz zum Schutz archäologischer Denkmale verabschiedet.

Eigentlich Archivarius, war dann im 19. Jh. der 1801 in Alt Strelitz geborene Georg Christian Friedrich Lisch, der „Knakenpurrer“, 45 Jahre lang das Synonym für Urgeschichtsforschung in Mecklenburg. Mit seiner Berufung 1834 als Direktor an das Geheime- und Hauptarchiv in Schwerin übertrug man Lisch gleichzeitig die Aufsicht über die Altertumssammlung des Herzogshauses. Wesentlichen Anteil hatte er 1835 an der Gründung eines Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde, zu dessem ersten Sekretär er grwählt wurde und diese Funktion bis 1880 ausübte.

Lischs wohl bedeutendstes Werk wurde das „Friderico-Francisceum oder Großherzogliche Alterthümersammlung aus der altgermanischen und slawischen Zeit Mecklenburgs“ (1837) – ein prachtvolles Gesamtinventar aller bis dahin bekannten Funde aus dem Lande. Ebenso ins Jahr 1837 datiert Lischs größte wissenschaftliche Leistung: Unabhängig voneinander entwickelten er, der Kopenhagener Thomsen (1788-1865) und der Salzwedler Danneil (1783-1868) das Dreiperiodensystem, die Einteilung in die noch heute (nach über 160 Jahren !) in der Archäologie grundsätzlich gültige chronologische Abfolge STEINZEIT – BRONZEZEIT – EISENZEIT. 1879 fand mit Erscheinen des letzten von ihm (seit 1836) herausgegebenen Jahrbuchs des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde Lischs umfassende Forschertätigkeit ihren würdigen Abschluß. Er starb am 22. September 1883.

Lischs größter Wunsch, eine wissenschaftliche Zusammenfassung seines umfangreichen Werkes in Form einer Altertumskunde Mecklenburgs im mitteleuropäischen Rahmen zu schreiben, war ihm leider nicht mehr vergönnt. Sein Nachfolger, Prof. Dr. Robert Beltz kam diesem hochgesteckten Anliegen einen wesentlichen Schritt näher mit seinem 1910 erschienenen Hauptwerk „Die vorgeschichtlichen Altertümer des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin“.

Robert Beltz gehörte am 12. April 1927 in Kiel zu den 23 Gründungsmitgliedern der so genannten „Burgwallarbeitsgemeinschaft“, aus deren Tätigkeit in den Jahren 1927-29 auch die erste Burgwallkartei für Mecklenburg resultiert. Die systematische Burgwallaufnahme wurde von 1953-1970 fortgeführt von Willy Bastian als Leiter des Forschungsunternehmens „Burgwallaufnahme Mecklenburg“ beim Institut für Vor- und Frühgeschichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin.

Obwohl Beltz sich die Erforschung der Vorgeschichte Mecklenburgs zur Aufgabe gemacht hatte, nahm er stets regen Anteil an den wissenschaftlichen Fragen der gesamtdeutschen und europäischen Vorgeschichte, auch nach seinem offiziellen Ausscheiden aus dem Amt als Abteilungsvorstand am Schweriner Landesmuseum im Jahre 1930. Das Amt des Denkmalpflegers für vorgeschichtliche Denkmäler behält er zunächst weiter.

Nach Beltz Ausscheiden aus dem Amt 1930 wurde für wenige Jahre Heinrich Reifferscheidt neuer Abteilungsvorstand. Ihm folgte 1935 Willy Bastian (1893-1970), dessen Wirken aber durch den Ausbruch des II. Weltkrieges abruppt abgebrochen wurde: Im August 1939 mußte er den Militärdienst antreten.

Der Altmeister Beltz besucht noch in seinem achten Lebensjahrzehnt Ausgrabungen, nimmt teil an Studienfahrten des Rostocker Altertumsvereins, reist 1940 letztmalig nach Kopenhagen. Am 19. Mai 1942 stirbt kurz nach Vollendung seines 88. Lebensjahres Robert Beltz, dem von seinen Zeitgenossen bescheinigt wird, dass er „durch unermüdliche und zielbewusste Arbeit Mecklenburg zu einem der auf vorgeschichtlichem Gebiet besterkundeten Länder Deutschlands gemacht“ hat.

Professor mit Hacke und Spaten

Nach dem II. Weltkrieg begann wiederum eine neue Etappe für die mecklenburgische Archäologie. Bedingt durch die Zeitumstände, wurde der frühere Denkmalpfleger Willy Bastian im August 1945 aus dem Dienst der Landesverwaltung entlassen. Gerade verewundet aus dem Krieg zurückgekehrt übernahm nun der 31jährige Ewald Schuldt die Denkmalpflege für vor- und frühgeschichtliche Bodenaltertümer in Mecklenburg und zugleich die Leitung der Vorgeschichtlichen Abteilung des Schweriner Landesmuseums.

Geboren 1914 in einer Landarbeiterfamilie in Mechelsdorf und nach einer Gärtnerlehre kam der 20jährige mit der archäologischen Forschung des Mecklenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege in Berührung und erhielt dort unter Willy Bastian 1938 eine Anstellung als wissenschaftlicher Zeichner.

Nach seiner Promotion 1952 bei Wilhelm Unverzagt wurde E. Schuldt 1953 zum Direktor des neu geschaffenen Museums für Ur- und Frühgeschichte – Forschungsstelle für die Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg ernannt, das er 28 Jahre lang, bis zu seiner Pensionierung Ende 1980, überaus erfolgreich leitete.

Mit einem kleinen Mitarbeiterteam untersuchte er archäologische Fundstellen von derMittelsteinzeit bis zur Slawenzeit, d.h. aus rund 10 000 Jahren Geschichte. Dazu zählen Ausgrabungen auf einem Wohnplatz der Mittelsteinzeit bei Hohen Viecheln am Schweriner See (1953-1955) ebenso wie die Untersuchung von 106 jungsteinzeitlichen Großsteingräbern (1964-1970). In enger Zusammenarbeit mit dem Berliner Akademie-Institut widmete er seine umfassendsten Forschungen der Geschichte und Kultur der slawischen Stämme in Mecklenburg, wüfür ihm 1979 der Nationalpreis der DDR verliehen wurde. Die Burggrabungen bei Teterow (1950-1953) und Sukow (1962) führten zu neuesten Erkenntnissen zum slawischen Wege- und Brückenbau, die chronologische Abfolge der bereits 1956 von ihm deklarierten slawischen Keramikgruppen konnte E. Schuldt bei Grabungen am Burgwall von Neu Nieköhr/Walkendorf (1963/64) erforschen. Höhepunkt seiner Slawenforschungen war 1974 die Entdeckung eines altslawischen Tempels bei Groß Raden. Am 13. Mai 1987 erlebte Prof. Schuldt die Krönung seines Lebenswerkes: Die Eröffnung des von ihm aufgrund seiner Ausgrabungsergebnisse konzipierten Freilichtmuseums „Altslawischer Tempelort Groß Raden“. Wenig später, am 1. Juni, verstarb mit Ewald Schuldt einer der bedeutendsten Archäologen Mecklenburgs, dem für seine hervorragenden Leistungen auf dem Gebiet der archäologischen Forschung schon 1964 der Titel eines Professors verliehen worden war.

Grundmaximen jeder seiner Ausgrabungen waren exakte Dokumentation, wissenschaftliche Publikation und Verwertung der Ergebnisse in der breiten Öffentlichkeit. Zeugnis dafür sind mehr als 200 wissenschaftliche Publikationen. ER zeichnet verantwortlich für 28 Jahrgänge des von ihm begründeten Jahrbuches „Bodendenkmalpflege in Mecklenburg“ sowie die ebenfalls von ihm geschaffene Monographienreihe „Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte der Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg“. Hinzu kommen 24 „Bildkataloge“ – allgemein verständlich, reich illustriert und mit wissenschaftlicher Akribie verfasst.

Besondere Aufmerksamkeit widmete Ewald Schuldt dem Ausbau der ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegeorganisation. Auf deren äußerst produktives Wirken gehen die Entdeckung hunderter neuer Denkmäler, wie Burgwälle, Turmhügel, Großsteingräber, Hügelgräber, Schälchensteine sowie tausender archäologischer Fundstücke zurück.

Aufgrund seiner Lebenserfahrungen und des von ihm erlebten II. Weltkrieges glaubte er an die Notwendigkeit einer grundlegenden Umgestaltung der Gesellschaft. Bereits im April 1946 wurde er Mitglied der SED. Im Kulturbund und als langjähriger Vorsitzender des Bezirksausschusses der Nationalen Front war ihm die aktive Förderung des geistig-kulturellen Lebens in seiner Heimat ein Bedürfnis.

Eine Gesamtgeschichte der Archäologie in Mecklenburg, ihrer Leistungen, Forscher und Strukturen, ihr Beziehungsgeflecht innerhalb des jeweiligen Gesellschaftssystems, ist noch nicht geschrieben. Neben der alltäglichen Rettung und Dokumentation archäologischer Funde wäre dieses eine anspruchsvolle und sicher dankbare Aufgabe für die Landesarchäologie im neuen Jahrtausend.

ZEITTAFEL
Zur archäologischen Denkmalpflege in Mecklenburg (Auswahl)

1804, 13. April: Landesherrliche Verordnung (jeweils eine für das Domanium und eine für die Ritter- und Landschaft wegen der unterschiedlichen Eigentumsrechte), heidnische Gräber nicht zu zerstören, deren Vorhandensein zu melden und gegebenenfalls Ausgrabungen zuzulassen.

1836: Neufassung der o.g. Verordnungen

1837: Großherzogliches Rescript zur Gestattung von Ausgrabungen im Interesse der Wissenschaft durch eine „Deputation für Ausgrabungen“. Diese ist als erste behördliche Einrichtung für die Bodendenkmalpflege in Mecklenburg anzusehen.

1887: Einsetzung einer Kommission zur Erhaltung der Denkmäler im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin vom Staatsministerium verfügt.

1920, 21. Dezember: Ausgrabungsgesetz für den Freistaat Mecklenburg-Strelitz.

1929, 5. Dezember: Denkmalschutzgesetz für den Freistaat Mecklenburg-Schwerin.

1946, 10. Dezember: Wiedereröffnung der vorgeschichtlichen Schausammlung im Landesmuseum Schwerin in Form einer kleinen Ausstellung aus vorhandenem Fundmaterial. (Die Sammlungsbestände waren zu großen Teilen kriegsbedingt verlagert!)

1952: Eröffnung einer ständigen Ausstellung zur Ur- und Frühgeschichte in den Räumen des staatlichen Museums am Alten Garten in Schwerin.

1954, 28. Mai: Verordnung zum Schutze und zur Erhaltung der ur- und frühgeschichtlichen Bodenaltertümer in der DDR.

1987, 13. Mai: Eröffnung des archäologischen Freilichtmuseums Groß Raden.

1993, 30. Nov.: Denkmalschutzgesetz des Landes Mecklenburg-Vorpommern

1995, August-Oktober: Sonderausstellung „10 000 Jahre Mecklenburg-Vorpommern – Neues aus der Landesarchäologie“ in der Marstallhalle Schwerin.

1998, 6. Januar: novelierte Fassung des Denkmalschutzgesetzes M-V.


(Quelle: Dipl.-Historiker & Dipl.-Archivar Udo Funk
Alle Rechte vorbehalten.)

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