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Ein Reiter auf der Fahrmaschine
Vor 180 Jahren wurde in Mecklenburg das erste Velociped gebaut

Im Jahre 1817 erfand der badische Forstmeister Karl Freiherr von Drais (1785-1851) ein Laufrad, die sogenannte Draisine. Mit diesem Gefährt begann die Geschichte des heutigen Fahrrades. Noch ehe der Erfinder sein Laufrad 1818 in Paris vorstellte, wo es von den Franzosen Velocipede genannt wurde, befand sich ein solch Draissches „Fahrrad“ in Mecklenburg!

Vermutlich in einer mündlich geführten Verhandlung mit dem Landrat Jasper von Oertzen auf Roggow [Lkr. Güstrow] hatte der Großherzog Friedrich Franz I. den Wunsch ausgesprochen, eine solche Maschine selbst zu besitzen. Landrat von Oertzen ließ „eine nach der Erfindung des Herrn Forstmeister v. Drais nachgemachte Fahrmaschine“ entsprechend dem Begehren seiner kgl. Hoheit anfertigen. Leider ist nicht bekannt, wer dieses Mobil nach dem Draisschen Vorbild baute. Diese Maschine wurde Friedrich Franz I. in Ludwigslust am 15. März 1818 überbracht.

In einem ausführlichen Brief dazu beschrieb Jasper von Oertzen Zweck, Funktion und Gebrauch dieses Gefährts, äußerte aber auch technische Verbesserungsvorschläge. „Man muß von dieser Maschine nur das begehren, was sie nur leisten soll,...So viel ist gewiß, das ein geübter Läufer auf dieser Maschine einen jeden Fußgänger, der noch so stark läuft, vorbeieilen wird. Uebung ist zu einer jeden Sache erforderlich, und man muß beim ersten Versuch nicht gleich...dieß für...eine angreifende unnütze Erfindung halten.“ Durch entsprechende Übung wird der geübte „Reiter der Fahrmaschine“ den nebenbei gehenden Fußgänger baldigst zurückbleiben lasen. „Ehe man abfahret muß man den Sattel grade so hoch schrauben das die Füsse an die Erde stehen...Zum höher Schrauben des Sattels habe ich einen Schlüssel fertigen lassen, damit grosse und kleine Leuthe sich dieser Fahrmaschine bedienen können...Gefält dieser Wagen, so können sich Euer Königlichen Hoheit vom Ludwigsluster Künstler daran annoch einen besseren machen lassen, wo ich dan anrathen würde, das Gestelle des Wagens etwas länger machen zu lassen, und das Hinterradt etwas höher, dan wird der Druck und die Schnellkraft noch stärker und die Wendungen nicht so beschwerlich seyn.“

Man sollte diese Erfindung also keinesfalls verwerfen, trotz teilweise schlimmer Straßen- und Wegeverhältnisse in Mecklenburg. Vor jeder Probefahrt wichtig sei die Polsterung des Sattels, das Schmieren der Räder mit reinem Baumöl sowie das Schmieren der Lenker. Nach Ansicht des Herrn von Oertzen würde als Teststrecke in Ludwigslust „der FußWeg vom Schloß nach den Schweitzer Hause sich zur ersten Probe“ am besten eignen.

Für einen im Fußmarsch nicht geübten Mann sieht v. Oertzen im Gebrauch der Fahrmaschine allerdings Schwierigkeiten, weshalb er nach der Erfindung eines gewissen J. L. S. Bauer aus Nürnberg bei einem Rostocker Künstler ebenfalls eine Maschine mit drei Rädern bestellte: „...man sitzt wie auf einem Pferde im Steigbügel, und durch eine leichte Bewegung der Hand soll die Maschine durch einen Hebel fortbewegt werden“. Der Auftraggeber äußert allerdings auch Zweifel am Gelingen des Werkes. Und leider schweigen die Akten über den weiteren Verlauf dieser Angelegenheit.

Ob das 1818 in Ludwigslust dem Großherzog übergebene Laufrad nach Draisschem Vorbild jemals vom Landesherrn genutzt worden ist, lässt sich nicht sagen. Von Oertzen unterbreitet Seiner Königlichen Hoheit allerdings das Angebot, ihn bei seinem Aufenthalt in Doberan beehren zu wollen und „einen Laufenden damit hinzusenden, der es zu einer besonderen Fertigkeit darin gebracht hat“.

Mehrmals betont Jasper v. Oertzen in seinem Begleitschreiben zu der neuen Erfindung, trotz eventueller Mängel dieses erste Laufrad keinesfalls zu verwerfen, und v. Oertzen stellt richtig fest: „Das vollkommene Schiff wäre wohl nicht dahin gediehen, wenn man nicht mit einem ausgehöhlten Baum den Anfang gemacht hätte.“

[veröff.: MM 1998, Nr. 14].


(Quelle: Dipl.-Historiker & Dipl.-Archivar Udo Funk
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