In der zweiten
Hälfte des 12. und besonders im 13. Jahrhundert wurden
die bis dahin von slawischen Stämmen besiedelten mecklenburgischen
Landschaften von deutschen Siedlern in Besitz genommen. Die
Wanderzüge dieser Landnehmer, überwiegend verarmte
Bauern und Angehörige des Kleinadels, wurden von sogenannten
Lokatoren (meist aus dem niederen Adel) angeführt. In
diese Zeit fällt die Gründung vieler Dörfer
unseres Landes. Die Lokatoren leiteten die Niederlassung und
Aufsiedlung, nahmen meist das Schulzenamt wahr und erlangten
dadurch Vergünstigungen und Sonderrechte, größere
Ländereien und eine höhere Stellung im Dorf, die
zu sozialen Spannungen führten. Sie verstärkten
ihre Höfe und befestigten diese zum Schutz gegen die
unterworfene slawische Bevölkerung und gegen die deutschen
Bauern sowie auch gegen ihre adligen Nachbarn. Es entstand
in flachen Landschaften als neue historische Erscheinung der
künstlich aufgeschüttete Burghügel, auch Turmhügel
oder Motto (von französisch la motte = Hügel) genannt,
eine Burgenbauidee wohl aus dem nördlichen Frankreich.
Einziges Bauwerk
auf diesen sehr unterschiedlich großen Hügeln (in
Mecklenburg eine Höhe von knapp einem bis etwa fünf,
sechs Metern bei einem durchschnittlichen Basisdurchmesser
zwischen zehn und zwanzig Metern) war oft ein mehretagiger,
hölzerner, selten steinerner Turm, der sowohl als Wohnsitz
als auch Befestigung diente. Einziger Zugang zu diesen von
einem Wassergraben umwehrten Kleinburgen war meist eine Klappbrücke.
War der verfügbare Platz größer, so konnten
auch wenige weitere Gebäude auf dem doch sehr begrenzten
Terrain Platz finden und so die Entwicklung zu einer Trennung
von Wohn- und Wehrfunktion des Turmes einleiten. Die Turmhügelburgen
waren aber niucht nur Wohnsitz und Wirtschaftshof des niederen
Adels, sondern auch sprichwörtliche Raubritternester,
wie z. B. eine Urkunde von 1385 belegt, in der „Hinrik
Bulowe van Critzowe“ unter den „Hovetlude desser
rowere weren“ („Hofleuten, die Räuber waren“)
genannt ist. Dessen Sitz war der Turmhügel bei Kritzow,
Lkr. Parchim. Mit dem Aufkommen von Feuerwaffen verloren die
Turmhügelburgen im 15./16. Jahrhundert ihre ursprüngliche
Zweckbestimmung, wurden aber oft über das Mittelalter
hinaus als Herrensitz weiter genutzt. Mehrere mecklenburgische
Gutsherrenhäuser stehen auf mittelalterlichen Turmhügeln.
Noch bis 1835 wurde die Zugbrücke zum Gutshaus Roggow
(Lkr. Bad Doberan) jeden Abend hochgezogen.
Burgenforschung
und Mecklenburg passen also gut zusammen, gab es in Mecklenburg
doch weit über 1000 deutsch-mittelalterliche Burgen.
Die meisten dieser typologisch vielfältigen Anlagen sind
oberirdisch vollkommen verschwunden. Nur noch wenige Turm-
und Mauerreste, Wälle oder grabenumwehrte Hügel
zeugen heute noch von diesen Anlagen. Oft können deren
Standorte nur mit Hilfe historischer Karten oder durch Luftbilder
ermittelt werden. Historische Disziplinen wie Baugeschichte,
Urkundenforschung, besonders aber die Mittelalterarchäologie
leisten einen wichtigen Beitrag bei der Erforschung dieser
Burgen. Die heutige Burgenforschung kann dabei in Mecklenburg
auf eine lange Tradition aufbauen (vgl. Kasten).
Burgenforschung in Mecklenburg
(ausgewählte Daten)
1818-1823 erscheinen
im „Freimüthigen Abendblatt 33 Einzelbeiträge
zum Thema „Die Ritterburgen Mecklenburgs“ von
F.L.K. Brüssow (1798-1847)
1835 bekam die
Forschung durch den „Verein für mecklenburgische
Geschichte und Altertumskunde“ sowie durch Friedrich
Lisch (1801-1883) wesentliche Impulse.
1886/87 untersucht
Otto Piper (1841-1921) u.a. die Baugeschichte der Burg Stargard.
Sein 1895 erschienenes Buch „Burgenkunde“ gilt
heute noch als Standardwerk.
1929 ist eine Arbeitsgemeinschaft
zur Erforschung der norddeutschen Wall- und Wehranlagen aktiv.
Sie erarbeitet eine Burgwallkartei.
1953 nimmt der
in der Burgenforschung hochangesehene Willy Bastian (1893-1970)
im Auftrag der Deutschen AKADEMIE DER Wissenschaften die Forschung
wieder auf. Er deklariert einen neuen Burgentyp: die Kemlade
(in Binnenseen als Pfahlbauten angelegte Befestigungen). Vornehmlich
auf ihn stützt sich die moderne Forschung.
1987 erscheint
der erste Burgenkatalog für ein größeres Teilgebiet
M-V. Der Verfasser Uwe Schwarz aus Friedland war ehrenamtlicher
Bodendenkmalpfleger.
Jahr für Jahr entdecken auch ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger
immer wieder einzelne Turmhügelburgen. So wurde die Turmhügelburg
bei Kritzow, Lkr. Parchim, erst in jüngster Zeit als
Bodendenkmal erfasst. Eine ganze Anzahl von Turmhügeln
im Wismarer Raum, z.B. in Greese, Groß Stieten, Hoikendorf,
Thurow, konnte mit wesentlicher Unterstützung des Landesamtes
für Bodendenkmalpflege im Zuge eines Forschungsprogramms
neu ermittelt und erfasst werden.
Den ersten Burgenkatalog
für ein größeres Teilgebiet Mecklenburg-Vorpommerns
haben wir dem Friedländer Lehrer und Bodendenkmalpfleger
Uwe Schwarz (1947-1988) zu verdanken. Eine ähnliche Zusammenstellumng
liegt für den „Altkreis“ Güstrow vor.
Bislang nur wenige dieser zu Hunderten im Lande Mecklenburg-Vorpommern
vorhanden gewesenen kleinen Rittersitze bzw. –burgen
sind archäologisch erforscht. Begrenzte Untersuchungen
an einem Turmhügel bei Weitin (nahe Neubrandenburg) führte
in den Jahren 1976-1978 Dr. Ulrich Schoknecht durch. Die bei
den Ausgrabungen gefundenen Gegenstände „überragen
das normale Fundgut im Bereich dörflicher Wüstungen
und belegen auch archäologisch einen gehobenen Lebensstandard
der Bewohner des Turmhügels“. Der Archäologe
kam zu dem Ergebnis, daß es sich bei dieser auf einem
Hochplateau an einer Furt über das „Malliner Wasser“
gelegenen Burg um eine rein strategische Anlage gehandelt
zu haben scheint, die von dem damals mächtigen Kloster
Broda gegründet wurde, um den gesamten Verkehr auf der
Landstraße Neubrandenburg-Treptow durch die günstige
Lage an der Furt unter Kontrolle zu halten.
Umfangreiche Untersuchungen
unter Leitung von U. Schwarz fanden in den Jahren 1978-1985
an der 1392 als Beefestigung genannten Burg Galenbeck (bei
Friedland) statt, von der noch Reste des gewaltigen runden
Bergfrieds stehen. Ein quadratischer Wohnturm, weitere Steinbauten
(vermutlich Palas) konnten ergraben und auch Reste einer umgestürzten
Holzpalisade im Burggraben gefunden und dokumentiert werden.
Die dem Rittergeschlecht von Rieben gehörende Burg hatte
eine mit 55 Mann ungewöhnlich zahlreiche Besatzung, die
im September 1453 ihr Leben ließ, als die Burg von einem
Stralsunder Bürgeraufgebot erobert, geschleift und weitgehend
zerstört wurde.
Die meisten dieser
Anlagen weisen trotz aller Vielfalt eine gewisse gleichförmige
Struktur auf, die durch den Zweck der Anlage bestimmt wird.
An den Hügel schloß sich in den meisten Fällen
der Wirtschaftshof des Ritters an. Auch dieser war ursprünglich
von einem Wassergraben und durch eine Holzpalisade geschützt.
Die wohl überwiegende Zahl dieser Turmhügel liegt
in unmittelbarer Nähe der späteren Gutshäuser
bzw. in den Gutsparks. Liegen sie weit außerhalb heutiger
Ortschaften, stellt sich bei intensiverer Nachforschung heraus,
daß oft eine Dorfwüstung dazugehört. Es zeichnet
sich auch eine Gruppe von Turmhügeln ab, die vornehmlich
an Flüssen und Bachniederungen liegen und ursprünglich
vordergründig Sicherungsfunktionen an Territoriumsgrenzen
oder alten Verkehrswegen hatten.
Die weitere Auswertung
der Detailinformationen zu einzelnen solcher deutsch-mittelalterlichen
Kleinburgen, die für Mecklenburg durchaus als typisch
bezeichnet werden können, dürften noch manch interessanten
Aufschluß sowohl für die jeweilige Orts- wie auch
die Regional- und Landesgeschichte bringen. Doch so manche
Burg hütet eben ihre Geheimnisse. Versuchen wir, sie
zu ergründen!
(Quelle: Dipl.-Historiker & Dipl.-Archivar Udo Funk Alle Rechte vorbehalten.)
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