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Die Flügel der Gebrüder Perzina
Streiflichter aus der Geschichte eines renommierten Schweriner Unternehmens

Seit fast 90 Jahren ist der Schweriner „Perzina-Saal“ – im Gebäude der heutigen Stadtbibliothek in der Wismarschen Straße – als Konzertsaal eine bedeutende Kulturstätte der Landeshauptstadt. Am 7. Oktober 1907 wurde er feierlich der Öffentlichkeit übergeben und stellt unbestritten ein Stück Schweriner Kunst- und Kulturgeschichte dar. Unter anderem fand hier am 3. und 4. Mai 1912 das Erste Dänische Kammermusikfest statt.

Geschaffen wurde diese Kulturstätte von der Hof-Pianoforte-Fabrik Gebr. Perzina, die sich bei Gelegenheit ihres Neubaus an der Wismarschen Straße entschloß, den ursprünglich nur als Reserveraum für halbfertige Fabrikate und als Flügel-Vorführsaal gedachten ersten Stock zu einem Konzertsaal auszubauen.

Zu dieser Zeit hatte die Firma Gebr. Perzina bereits 36 z.T. bewegte Geschäftsjahre hinter sich: Im Juni 1871 hatten Julius und Albert Perzina, gebürtig aus Zittau in Sachsen, in Schwerin den Grundstein für die wenige Jahre später weltbekannte Firma „Gebr. Perzina“ gelegt, die im Jahre 1901 als „die bei weitem größte und leistungsfähigste Pianofabrik innerhalb der gesamten deutschen Ostseeländer (von der dänischen Grenze angefangen, bis hinauf nach Memel)“ charakterisiert wurde. Die Firmenleitung lag zunächst für einige Jahre in den Händen des Seniors der Firma Julius Perzina. „Ohne väterliches ererbtes oder erheiratetes Vermögen, aber gestützt auf ein selten umfangreiches, in ersten Pianofortefabriken Deutschlands (Bechstein, Duvsen, Schwechten, Rönisch etc.) erworbenes und erprobtes Wissen und Können verstand es Julius Perzina, aus den bescheidenen Anfängen heraus sich durchzuarbeiten.“

Schon im Jahre 1872 brachte es die junge Firma auf 20 selbstgebaute Instrumente und 1875 auf 54 Pianos. Auf diesem Niveau hielt sich das Unternehmen – trotz Etablierung eines anfänglich von der Gunst einflussreicher Kreise getragenen Konkurrenzunternehmens durch den früheren Schlossorganisten Trutschel – während der ganzen 70er und dem Anfang der 80er Jahre.

Das Jahr 1883 brachte, verursacht durch die in Schwerin stattgefundene Mecklenburgische Landes-, Gewerbe- und Industrieausstellung bemerkenswerte Fortschritte. Die Produktion stirg gegenüber dem Vorjahr um nahezu 50 Prozent. Die Instrumente selbst wurden auf der Schweriner Ausstellung mit dem „Ersten Preis der silbernen Medaille“ ausgezeichnet; den Inhabern Julius und Albert Perzina wurde vom Großherzog der Titel „Großherzoglich Mecklenburgischer Hof-Pianofabrikant“ verliehen.

Einige Jahre später ist die Fa. Gebr. Perzina Hof-Pianofabrikant „Ihrer Majestät der Königin der Niederlande“, „Seiner Majestät des Königs von Portugal“ sowie „Seiner Hoheit des Herzogs von Anhalt“.

1894 Weltausstellung in Antwerpen
1895 Internationale Ausstellung in Amsterdam

Produktionszahlen

1893 100 Instrumente
1894 145 Instrumente
1895 211 Instrumente
1896 340 Instrumente
1897 315 Instrumente (Streik !)
1898 410 Instrumente
1899 604 Instrumente
1900 768 Instrumente

Ende der 80er Jahre begannen die ersten schüchternen Exportversuche der „Gebr. Perzina“, die immerhin kräftig genug waren, um dem Perzina-Fabrikat Eingang in den La-Plata Staaten und Chile zu verschaffen. 1888 gingen die ersten Pianos mecklenburgischer Provenienz nach Valparaiso und Buenos Aires.

Das Fehlen einer kaufmännisch vorgebildeten Kraft in der Firma führte zu Stagnation und auch Rückschlägen. Der Mitinhaber der Firma, Albert Perzina, wollte an dem weiteren Risiko nicht mehr partizipieren und trat stillschweigend aus dem Geschäft aus. Anfang der 90er Jahre war die Firma „an einer inneren Krisis angelangt“. Es fehlte eine führende und unternehmende Hand.

Die Rettung durch den Schwiegersohn

Der Zufall brachte eine unvorhergesehene Wendung. Durch Verheiratung seiner ältesten Tochter mit einem in den ersten Hamburger Export- und Handelshäusern ausgebildeten und erprobten Kaufmann erhielt der damalige Firmeninhaber Julius Perzina einen Schwiegersohn, der mit scharfem Blick die latente Krise in der Weiterentwicklung der Schweriner Pianofortefabrik, aber auch deren innere Lebensfähigkeit erkennend, seine gute Stellung in Hamburg opferte und Ende 1893, zunächst als kaufmännischer Leiter, in die Fa. Gebr. Perzina eintrat: Daniel Huß.

Nach sehr langen Verhandlungen entschloß man sich schließlich doch, von der zunächst beabsichtigten Firmenverlegung nach Berlin abzusehen. Eine neue Epoche in der Firmengeschichte begann. Die bislang handwerklich betriebene Herstellung wurde durch Dampfmaschine und neueste maschinelle Einrichtungen jeglicher Art zu einer Fabrik im eigentlichen Sinne umgestaltet. „Alle die Mühseligkeiten, welche unzertrennbar sind mit der Übergangsperiode zum größeren maschinellen Betrieb, wirkten unter den besonderen Umständen bzw. Verhältnissen, wie sie gerade Schwerin mit sich beingt, - als da sind z.B.: Mangel an industriell und speziell pianofortetechnisch vorgebildeten Arbeitern. Mangel an industriellen Crediten, Mangel an Anerkennung und Verständnis für industrielle Bestrebungen in Schwerin überhaupt pp. – mit doppelter Macht auf die Betriebsleitung ein.“

Streik bei Perzina

Durch tatkräftiges und zielbewusstes Arbeiten gelang es der Betriebsleitung „alle dunklen Wolken, welche den Horizont des jungen Großbetriebes zu verdunkeln drohten, zu zerstreuen“. Sowohl der internationale wie auch der einheimische Absatz konnte kontinuierlich gesteigert werden. Internationale Ausstellungen wurden erfolgreich besucht. „Mit Beginn des Jahres 1897 wurde die Fabrik von einem Strike heimgesucht, dessen Ursachen auf sozialistisch-agitatorische Tätigkeit innerhalb der Werkstätten zurückzuführen sind.“ Dieser Streik dauerte ca. 8 bis 10 Wochen und verursachte den in der obigen Tabelle erkennbaren Produktionsabfall. Im April 1897 stirbt der erst 52jährige Senior und Begründer der Firma Julius Perzina, und die alleinige Gesamtleitung der Fabrik geht für die nächsten 20 Jahre in die Hände des geschäftstüchtigen Schwiegersohns Daniel Huß.

Die „anderen“ Perzina-Flügel - Ein Stück Fokker-Geschichte

Im Jahre 1914 wird innerhalb der „Gebr. Perzina“ die „Abteilung für Heeresbedarf“ geschaffen, zu deren Produktionspalette u.a. Flugzeugteile, Propeller, Tragflächenbau gehörten. Daniel Huß war auch hier geschäftstüchtiger Unternehmer und ersucht selbst den Großherzog um Protektion für seine Rüstungsproduktion: „In dem Bestreben meine Fabrik für Heeresbedarf weiter auszubauen und weitere Abschlüsse mit den Militärbehörden zu erzielen, ...habe ich das Geheimnis des Erfolges bei meinen Rivalen ergründet und dabei feststellen können, daß diese Firmen sich meist auf hohe Empfehlung berufen...“. heißt es u.a. in seinem Gesuch an den Landesherrn.

Am 5. März 1917 ist Daniel Huß, Inhaber der Fa. Gebr. Perzina, wegen angeblicher Bestechung verhaftet worden. „Die Bestechung soll begangen sein gegenüber den von der Heeresverwaltung mit der Abnahme von Heereslieferungen betrauten Persönlichkeiten.“ Die bisher ermittelten Akten geben leider noch kein vollständiges Bild von der Prozessführung bzw. den endgültigen Konsequenzen für Huß, der Beschwerde gegen den Haftbefehl erhoben hatte. Aus Stellungnahmen von Seiten der Belegschaft, die Sympathie für ihren Chef erkennen lassen, geht hervor, daß eine evtl. Firmenschließung aufgrund der Verhaftung von Huß zur Folge hätte, daß „500 Arbeiter brotlos werden würden“!

Zur Firmenschließung kommt es nicht. Im Zeitraum von 1918 bis 1920 hat die Fa. Gebr. Perzina – Pianofortefabrik als Inhaber den „Direktor A.H.G. Fokker“...!

Sehr aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang ein Schreiben des Herrn Dr. Trautmann, Oberbürgermeister der Haupt- und Handelsstadt Frankfurt a.d. Oder an den Herrn Geheimen Kabinettsrat v. Wickede vom 24. Januar 1918, in dem es u.a. heißt: „Der bisherige Eigentümer der Perzinawerke in Schwerin, Herr Daniel Huß, bittet mich an Seine Königliche Hoheit durch Euer Hochwohlgeboren Hand ein Gnadengesuch zu richten. Ich erfülle seinen Wunsch gern, da ich als damaliger Referent für Luftfahrt im Reichsamt des Innern und als Geschäftsführer der National-Flugspende Herrn Huß seit Jahren kenne. Im raschen Erkennen des Notwendigen, getragen von idealer Gesinnung hat er der Luftfahrt in Mecklenburg die Wege gewiesen: ihm ist die Schaffung des Schweriner Flugplatzes und damit die Hinzuziehung der Fokkerwerke nach Mecklenburg zu danken.. Das Zusammentreffen unglückseliger Umstände infolge der Rachsucht eines entlassenen Angestellten hat dann Herrn Huß in ein Strafverfahren verwickelt, in dem er zu schwerer Strafe verurteilt worden ist. Soweit ich Herrn Huß aus seinem idealen Bestreben für die Entwicklung der Luftfahrt und für die Größe unseres Vaterlandes kenne..., halte ich ihn nicht für fähig der Taten, die man ihn beschuldigt...“

Infolge der Bestimmungen des Versailler Vertrages mußte der Rüstungsproduzent Fokker seine Zwischenstation Schwerin verlassen.

Wie sich die Beziehungen zwischen Fokker und der Pianoforte-bzw. Flügelfabrik Gebr. Perzina im Zeitraum 1914 bis 1920 gestalteten, wäre noch weiterer Detailforschung wert, da dieser Aspekt in der bisherigen Fokker-Forschung kaum bzw. keine Beachtung fand!

Inhaber der Pianofortefabrik Gebr. Perzina wurde ab 1^921 der Fabrikant Otto Libeau. Das Werk III in der Gutenbergstr. 35 firmierte ab 1922 als „Alvari-Piano-GmbH.“ Das Schweriner Stadtadressbuch von 1949 verzeichnet die Firma als „Gebr. Perzina GmbH., Pianoforte-Fabrik, gegr. 1871. Inh. Wilhelm Meyer, Wismarsche Straße 153“.


(Quelle: Dipl.-Historiker & Dipl.-Archivar Udo Funk
Alle Rechte vorbehalten.)

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