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Waldglas soll Mecklenburgs Handelsbilanz bessern

„Das Salz nebst dem Glase sind vorizt die beyden einzigen künstlichen Produkte von einiger Wichtigkeit, deren wir uns rühmen können, man mag dabey auf einländischen oder auswärtigen Absatz sehen. Alles übrige, was durch Kunstfleiß im Lande hervorgebracht wird, ist nicht von dem Belang, daß es den Reichthum vermehren, oder in der Bilanz des Handels einen Ausschlag geben könnte.“ schreibt 1786 Christoph Baron von Langermann in seinem „Versuch über die Verbesserung des Nahrungsstandes in Mecklenburg“

Ganz unrecht hatte er freilich nicht. Seit Beginn des 17. Jh. wurden in Mecklenburg in einer Vielzahl von Glashütten nicht unbedeutende Mengen an Flaschen, Gläsern, Vorratsgefäßen und auch Fensterglas hergestellt. Im 18. Jahrhundert hatte das Glasmachergewerbe im Lande seinen Höhepunkt. Mecklenburg gehörte in jener Zeit zu den bedeutendsten deutschen Glashüttenzentren. Exportiert wurde das Mecklenburger Waldglas nach Holland, England, Skandinavien und auch Nordamerika. Die Herstellung von Glas verlangte außer dem in Mecklenburg reichlich vorhandenen Kies (Quarzsand) auch Unmengen von Holz , das lange Zeit reichlich vorhanden war. Der bedeutende Vorrat an Buchenholz gab z.B. den Ausschlag für die Anlage einer Glashütte in Groß Nieköhr (Lkr. Güstrow) für 14 Jahre. Hergestellt wurde Nieköhrer Glas sowohl für den einheimischen Markt als auch für holländische Auftraggeber. Diese Auftragsware sollte „rein, blanck und nach den zu gebenden Probe-Buttels von behöriger Größe, Schwere und facon“ sein, keinesfalls „unrein, blau, steinspringigt und untaugendt sich finden“.

Zwar ist Holz ein nachwachsender Rohstoff, aber übermäßiger Verbrauch kann auch hier weiterreichende Folgen haben, wie bereits 1803 der über vier Jahrzehnte in Walkendorf (bei Tessin) wirkende Prediger und Schriftsteller Johann Christian Friedrich Wundemann erkannte. In seinem bedeutenden Werk „Mecklenburg in Hinsicht auf Kultur, Kunst und Geschmack“ stellt er fest:

„Mit dem immer mehr einreissenden Holzmangel neigt sich auch der Glashandel allmählig seinem Ende. Bis jetzt bestehen noch fünf Glashütten im ganzen Lande. Sie liefern indeß nur alltägliche, grüne Waare, die theils als Kistenglas von Rostock nach Dänemark, Schweden, Russland, selbst nach Holland und von da weiter sogar nach Amerika geht, theils als Hohlglas zu Hamburg abgesetzt wird. Es lässt sich aber absehen, daß dieser Handel mit der Zeit ganz eingehen wird, wenn man nicht, wie bey den Ziegelbrennereien, so auch bey der Glasfabrikation mit Torf glückliche Versuche machen wird.“

Torfglashütten am Trebeltal

Letzteres geschah dann auch. Unmittelbar am Rande des Trebeltales mit seinen weiträumigen Torfmooren entstand kurz nach Wundemanns Feststellung Mecklenburgs wohl bedeutendster Torfglashüttenstandort. Bereits 1804 würde beim Gut Nütschow (nahe Bad Sülze) für 13 Jahre eine Glashütte vorwiegend mit Torf betrieben. Dieser „Alten Hütte“, wie sie auf einer historischen Landkarte von 1835 eingetragen ist, folgt nur 3 Jahre später auf der Flur des benachbarten Gutes Breesen die „Neue Glashütte“, die den Namen Carlsthal erhält..

Initiator dieser Gewerbeansiedlungen war der auch als Autor und Schriftsteller bekannte Carl Christian Friedrich von Ferber (1761-1838), von 1798-1831 Gutsbesitzer auf Breesen und Nütschow.

Die Betriebsdauer der Carlsthaler Hütte wurde 1820 vertraglich auf 25 Jahre festgelegt. Hüttenmeister sind zunächst der Kaufmann Heinrich Betzien aus Rheinsberg und Glasmeister Christian Lippert aus Globsow. Infolge eines Streits kommen beide auseinander und Betzien allein führt die Hütte weiter. Später werden die Güter Nütschow und Breesen durch die herzogliche Kammer in Schwerin angekauft, die damit 1834 auch Eigentümer und Betreiber der Hütte wird. Das Saline-Amt Sülze verlängert den Hüttenkontrakt bis zum 31.12.1847.

Der erhebliche Bedarf an Brennmaterial für die direkt am Flusstalrand angelegte Hütte wurde hauptsächlich in den Trebelmooren gewonnen. Die Carlsthaler Glashütte verbrauchte jährlich etwa 10-12 Millionen Torfsoden. Das entsprach der Austorfung einer Fläche von etwa 3 Morgen (ca. 7500 Quadratmeter). Der Torf wurde auf den nahegelegenen Moorflächen ca. 1,20 m tief ausgestochen und anschließend in riesigen Torfscheunen bei der Hüttensiedlung getrocknet. Die ausgetorften Moore wurden wieder eingeebnet und zu Wiesen hergerichtet. Diese düngte man zur besseren und schnelleren Kultivierung reichlich mit Torfasche. Weil auch hier nicht immer ausreichend brauchbarer Torf vorhanden war, kaufte der Carlsthaler Hüttenmeister gelegentlich noch Holz aus dem benachbarten Pommern hinzu.

Die zur Glasherstellung benötigte Asche wurde nicht nur aus eigens dafür verbranntem Holz gewonnen. Die Carlsthaler Hütte bezog zusätzlich sogenannte „Sültzasche“ aus der benachbarten Sülzer Saline (Salzfabrik). Weil auch dies zeitweise nicht den Bedarf decken konnte, wurde entsprechend einem Reglement auch Asche aus den Haushalten gesammelt. Die Carlsthaler Hüttenangehörigen hatten ihre Hausasche an den dafür angewiesenen Platz zu bringen und abzuliefern. Es „dürfen bei den Häusern durchaus keine Vorräthe gesammelt werden“ hieß es in der Anweisung.

Der Hüttenkrug gehört dazu

Eine Glashüttenansiedlung bestand nicht nur aus den Produktionseinrichtungen für das Glas. Für den Aufbau seiner Hütte hatte der Carlsthaler Hüttenmeister insgesamt 21 Gebäude errichtet. 1 Wohnhaus mit Scheune und dazugehörigem Viehhaus, 12 Katen mit 24 Wohnungen, eine große Glashütte von 144 Fuß Länge, 1 Gemengehaus, 1 Kornschauer und 3 Torfmagazine. Zwei der Torfmagazine waren 140 Fuß lang und 48 Fuß breit, das dritte 48 Fuß lang und 16 Fuß breit. Torfmagazine und Hüttengebäude waren mit Stroh gedeckt. Das Wohnhaus des Hüttenmeisters trug ein Ziegeldach.

Auch ein Hüttenkrug- hier ein festes Haus mit Ziegeldach - durfte nicht fehlen.
Ausgeschenkt wurden Bier- und Branntwein. Braurechte gestand man den Hütten z.T. zu, der Branntwein musste im nächstgelegenen „Fachbetrieb“ eingekauft werden bei Strafe nachweislichen Verstoßes.

Zum Betrieb der Glashütte benötigte man sowohl Fach- wie auch Hilfskräfte. Zu den „Facharbeitern“ gehörten die Schmelzer und Hohlglasbläser. Auf der Carlsthaler Hütte arbeiteten zeitweise böhmische Glasmacher. Jedoch schon 1821 kündigten 4 böhmische Tafelglasmacher ihren Dienst auf. „Auf Tagelohn für 12 Schillinge 6 Monate hindurch, vielleicht noch länger zu arbeiten, darauf können wir uns schlechthin nicht einlassen. Es erscheint an sich schon klar genug, daß man nicht aus Böhmen verschrieben wird, um in Mecklenburg für 12 Schillinge im Tagelohn zu arbeiten. Überdies haben wir sämtlich Frau und Kinder, und sind nicht im Stande, von 12 Schillingen zu leben...Will Herr Betzien auf so unbestimmte Zeit und mindestens viele Monate hindurch die Tafelarbeit einstellen, so müssen wir uns hierdurch als verabschiedet betrachten“ heißt es in den Akten. Glasmacher waren gesuchte Spezialisten!

1847 geht die insgesamt 40 jährige Ära (= Produktionsjahre) dieses bedeutenden Glasgewerbezentrums im Nordosten Mecklenburgs zu Ende, noch nicht das „Glashüttenzeitalter“ im ganzen Land. Dieses endet erst 1901 mit dem Niedergang der letzten Mecklenburger Waldglashütte in Alt Schwerin (Lkr. Müritz).

Nach Einstellung der Glasproduktion wird das Carlsthaler Glashüttengehöft als Erbpachtstelle verkauft. Das übrige Areal der ehemaligen Hütte mit Häuslereien bebaut. Heute ist das idyllisch gelegene Carlsthal idealer Ausgangspunkt für Wanderungen in Wäldern und weiten Wiesen des Trebeltales wenige Kilometer südöstlich des Kurstädtchens Bad Sülze.


(Quelle: Dipl.-Historiker & Dipl.-Archivar Udo Funk
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